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Artikel in der süddeutschen Zeitung vom 25.April 2017

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25. April 2017, 15:28 Uhr
Maxvorstadt
Second-Hand-Mode mit Psychotherapie
Fashion & Fantasy Annette Schlagheck, ein Second-Hand-Laden in der Fürstenstr. 17, Im Gartenhaus, 80333 München, (Maxvorstadt). Arbeitstitel Funkstelle

Elegante Damenroben aus den Fünfzigerjahren. (Foto: Florian Peljak)

Im „Fashion & Fantasy“ in der Maxvorstadt gibt es etwas, was bei der Kleidersuche eher selten gewordenen ist: den gepflegten Plausch.
Von Jutta Czeguhn

Eine „psychotherapeutische Praxis mit Kleiderverkauf“ habe ihre Tochter Jessica diesen Ort einmal genannt, erzählt Karin Lawrence. In ihren Augen blitzt der Schalk, doch die 86-Jährige kann sich mindestens so gewählt ausdrücken wie die Queen of England. Mit ihrer tiefen, warmen Stimme sagt sie gerne Eröffnungssätze wie „Ich muss Ihnen gestehen…“ oder „Sie werden mir verzeihen…“ Es hat den Anschein, als würde in der kleinen Remise aus dem Jahre 1847 an der Fürstenstraße in der Maxvorstadt nicht nur Secondhand-Mode angeboten, sondern auch manches schöne, in die Jahre gekommene Wort. Es soll Leute geben, für die ist das Stöbern an den Kleiderständern nur vorgeschobener Anlass für etwas selten gewordenes: den gepflegten Plausch.

Wenn Karin Lawrence, um in Jessicas Bild zu bleiben, auf ihrem Therapeuten-Sessel hinter dem Tisch vis-à-vis der Eingangstür Platz genommen hat, dann wissen die Kundinnen: Ah, es ist Donnerstag! Denn sie kommt nur noch an diesem Tag der Woche, um Annette Schlagheck zu unterstützen, in deren Hände sie „Fashion & Fantasy“ vor knapp fünf Jahren übergeben hat. Donnerstag, und Freitag dazu, sind auch die grünen Tage im Kalender; dann werden die frischen Schnittblumen angeliefert, die Schlagheck als gelernte Floristin und Dekorateurin ins Sortiment genommen hat. Der enge Gang hinter zur Remise im Hinterhof, die auch mal als Gartenhaus gedient hat, ist nun voller Tulpen und Hyazinthen-Stöcke. Bewacht werden die Blumen von Betty, einer riesigen, bunten Vogelskulptur, die die 55-Jährige als Fan von Niki de Saint Phalle vor den Laden gestellt hat. Und von Pantaleon, dem kleinen Ritter auf dem blauen Fahrrad.

Der Dreijährige mit dem mädchenlangen Haar, der auf Kommando furchterregend wie ein Löwe brüllen kann, leistet den Second-Hand-Damen gerne Gesellschaft. „Er ist unser aller Sonnenschein“, sagt Karin Lawrence, die selbst drei Kinder hat, Annette Schagheck ist Mutter von vieren. Pantaleon gehört zu der Hut-Designerin Alida Buchböck, die ihre Modisterie im Vorderhaus betreibt und im vormittäglichen Gegenlicht unter dem Torbogen steht – eine elegante Silhouette, wie einem Film aus den Vierzigerjahren entstiegen. Sie hat ihren Jungen erspäht, winkt nun Annette Schagheck zu.

„Wir haben eine wunderbare Nachbarschaft“, sagt diese und erzählt von den kräftigen Söhnen der Nachbarn, die ihr immer helfen, die Kleiderständer in den Hof zu schieben, „dann wohnt hier noch eine Australierin, eine Polin, und im Atelier über dem Gartenhaus arbeitet Oxana, eine Mode-Schneiderin“. Die Nachbarn hatte Karin Lawrence gleich eingefangen, als sie 1987 im zarten Alter von 57 Jahren den Second-Hand-Verkauf startete. Dabei auch Rachel Salamander, die damals ihre Literaturhandlung dort hatte, wo Alida heute ihre Hut-Kreationen verkauft.

Eine Frau schießt nun durch die offene Ladentür, sie muss eine Stammkundin sein. Als wär’s ihr Ankleidezimmer, peilt sie schnurgerade die Abteilung mit grau-silberner Mode an. „Wie geht es Euch, alles gesund und wohlauf? Ist das nicht ein Wetter zum Helden zeugen?“, ruft sie im Vorbeigehen. Annette Schagheck ist auf dem Laufenden und erkundigt sich nach dem Wasserschaden der Wohnung und dem Hüftschaden des Ehemannes. „Er hat eine Neue, eine neue Hüfte mein‘ ich, jammert aber wie früher. Ich sag ihm, mach was, beweg dich, sonst kommst du ins Heim.“ Das Thema ist schnell durch, denn die Frau hat entdeckt, dass ihr Lieblingslabel üppig vertreten ist: „Hat sich ein leidenschaftlicher Kandis-Kunde aufgehängt?“ Sie hat heute wohl ihren schwarzhumorigen Tag.
Es sind nicht immer leichte Themen, um die sich die Gespräche drehen

Das Stichwort für Heidi Baarfuß-Thio, Kundin der ersten Stunde, ist die wandelnde Antithese zu Schwarz. Rotes Barrett, roter Lippenstift, rote Jacke – so steht sie plötzlich als Erscheinung im Laden. „Ich würde sie gar nicht erkennen, wenn sie etwas anderes trägt“, neckt sie Karin Lawrence und lobt ein Nina-Ricci-Halstuch, das Baarfuß in Kommission geben möchte. Wieder wird eine Krankengeschichte ausgetauscht. „Es wird ned besser, wenn man schwarz und trist umanand rennt“, sagt Baarfuß und beharrt auf ihrer guten Laune. Es sind nicht immer leichte Themen, um die sich die Gespräche drehen. Oft geht ums Altern, Krankheiten, Sorgen eben.

„Will jemand einen Kaffee?“, stellt Annette Schagheck nun die Frage in die Runde und löst damit die Schwere. Sie hat diese Tradition von Karin Lawrence übernommen, bei der es allerdings stets Tee – abends auch mal Sherry – und Kekse gab, vielleicht ihrem englischen Ehemann geschuldet. Doch bleibt keine Zeit, die Maschine anzuwerfen. Ein Ehepaar hat den Laden betreten, ein verzwickter Fall, wie sich gleich herausstellen wird, denn: Heinz und Dorothee Ostermann suchen das passende Outfit für eine Fünfzigerjahre-Cocktail-Party. Während nun Mode-Bildbände gewälzt werden, Annette Schagheck ein ums andere Mal im Lager verschwindet und Dorothee Ostermann in ein Kleid nach dem anderen schlüpft, diskutiert man angeregt, warum der Frau von heute die Eleganz abhanden gekommen ist.

Fashion & Fantasy Annette Schlagheck, ein Second-Hand-Laden in der Fürstenstr. 17, Im Gartenhaus, 80333 München, (Maxvorstadt). Arbeitstitel Funkstelle

Klatsch und Klamotten: (v. li.) Kundin Heidi Baarfuß-Thio, Ex-Chefin Karen Lawrence, ihre Nachfolgerin Annette Schlagheck und Kunde Heinz Ostermann. (Foto: Florian Peljak)

Und schon ist man mitten in der Lebensgeschichte von Karin Lawrence; ein Kriegsflüchtling aus der Mark Brandenburg war sie, ihr erster Mann ist ein schillernder Ufa-Direktor, später Chef des Spielcasinos in Travemünde. Unglaublich schick habe sie, die Landpomeranze, da sein müssen, sagt Karin Lawrence und verdreht die Augen: „Das war das Ende dieser Ehe!“

Die Ostermanns haben an diesem Vormittag kein Glück mit dem Fünfzigerjahre-Dress, aber auch sie bekommen ihren Kaffee. Ebenso wie Heidi Baarfuß-Thio, die, ganz lebendige Kreislaufwirtschaft, etwas bringt und etwas mitnimmt. Karin Lawrence und Annette Schagheck werden nun noch Ware auspreisen und umhängen, und dann, auch das hat Tradition an den Schnittblumen-Donnerstagen, schön zusammen zu Mittag essen. „Wir bleiben ein nahrhafter Laden“, sagt Karin Lawrence, lacht und meint damit nicht nur das Essen.

Artikel im Markant – Kirchenzeitung der evang. Markus Kirche, München Maxvorstadt Ausgabe 2/2015

Thema: Lebensgefühl Maxvorstadt

Sommer, Sonne, Second Hand – Bei Annette Schlagheck haben Wärme und Fröhlichkeit das ganze Jahr über Saison
Sommer in der Maxvorstadt.

Damit verbindet jeder etwas: Das warme Licht um die Pinakotheken. Eine von der Hitze des Tages am Abend noch dampfende Tür-kenstraße. Stimmengewirr vor den Cafés.

Es gibt Orte, wo der Sommer das ganze Jahr über daheim ist. Wo einem immer diese Wärme und Fröhlichkeit entgegenschlägt. Eine alte Remise aus dem Jahre 1847, einst als Pferdestall genutzt, in der Fürstenstraße 17 ist einer dieser ganz besonderen Orte. Hier hat seit über 25 Jahren ein Second- Hand-Laden sein zuhause. „Fashion & Fantasy“. Der Name klingt nach viel mehr als nach ausmisten, nach ver-kaufen und kaufen. „Fashion & Fantasy“ ist eine originelle Form des modernen Concept Stores. Eine An-laufadresse für Menschen mit Gemüt. Eine Institution. Diese betrete ich an einem Donnerstagvormittag das erste Mal. Vor mir sitzen zwei Damen: Karin Lawrence und Annette Schlagheck. Die alte und die neue Eigentümerin. Karin Lawrence hat den Laden nach 25 Jahren an Annette Schlagheck übergeben und kommt wei-terhin jeden Donnerstag. Für die alte Kundschaft, die sich über ein vertrautes Gesicht freut. Sie geht mit energischer Stimme ans Telefon und sagt wie aus der Pistole geschossen: „Ihre schwarze Leder-jacke ist weg. Sie können Geld abholen“.
Karin Lawrence (links) und Anette Schlagheck (rechts) in „Fashion & Fantasy“
Impression 1 mit Mode, Blumen und Acces-soires
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Thema: Lebensgefühl Maxvorstadt

Sie weiß genau, wer was gebracht hat und was be-reits verkauft ist. Nach all den Jahren ist das tief in ihr drin. Die Mutter von drei erwachsenen Kindern wollte wieder etwas machen. Et-was mit Menschen und mit einem überschaubaren Risi-ko. Startkapital war keins vorhanden. Was lag da nä-her als ein Secondhand-Laden?
Das war 1987. Zur Eröff-nung verpackte sie Samen von Vergissmeinnicht in kleine Tüten und schickte sie an Freunde und Anwohner. Mit dieser kreativen Idee, einem Kleiderständer und Carla Huberta, einer Schaufensterpuppe, war der Anfang gemacht. Die Kund-schaft war wie die Maxvorstadt: nicht homogen sondern vielseitig, jung und alt, wohl situiert und arm. Eine Wohnungslose kam immer wieder vorbei. Bei Karin Lawrence bekam sie Kleider und einen heißen Tee. Man sprach über Gott und die Welt. Die Tischgebete, die Karin Lawrence in ihrer Familie regelmäßig gespro-chen hat, bewegten diese Wohnungslose am meisten. Sie hat sie sich alle auf-geschrieben.
Eine weitere Kundin, die immer wieder kam war Annette Schlagheck, die heutige Eigentümerin. Mit fünf Geschwistern ist sie in der Nordendstraße aufgewachsen und somit ein echtes Maxvorstädter Gewächs. Nach einer Ausbildung zur Floris-tin entschied sie sich, am Münchenkolleg das Abitur nachzuholen. Während die-ser Zeit wohnte sie in der Fürstenstraße Nr. 10 und kam täglich auf einen kurzen Schwatz in den Laden. In der Zwischenzeit hat sie als Dekorateurin für Feinkost Käfer gearbeitet und vier Kinder bekommen. Mutter ist sie mit Leidenschaft und doch lagen viele Talente brach. Es war die jüngste Tochter, die die Mutter antrieb wieder zu arbeiten. 2012 hat das künstlerische Multitalent „Fashion and Fantasy“ übernommen. In Nachtarbeit hat sie auch noch pünktlich zur Geschäftseröff-nung ihre fröhliche, fast drei Meter große Vogelskulptur angefertigt und vor den Laden gestellt. Nun ziert er den paradiesischen Hinterhof, den Annette Schlag-heck hegt und pflegt. Zu den Secondhand Kleidern wurde das Angebot um Ac-cessoires, Geschenke und Blumen stetig erweitert.
Impression 2 mit Mode, Blumen und Accessoires
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Auf Bestellung fertigt sie wunderbare
Kränze für Beerdigungen und demnächst
beherbergt sie unter ihrem Dach noch
eine Änderungsschneiderin.

Neudeutsch
nennt man so ein Konzept Fullservice. Ein
besonderes Lebensgefühl bekommt die
Kundin gratis dazu. Denn wie ihre Vorgängerin
kann Annette Schlagheck wunderbar
zuhören und erzählen, ist gewandt und
schlagfertig. Gaben, die sie in der Vergangenheit
immer wieder einsetzen konnte.
Ende der 80er Jahre, noch vor der Wende,
war sie für ihren damaligen Arbeitgeber
Feinkost Käfer als Dekorateurin auf
einer großen Veranstaltung in Moskau im
Einsatz. Das gesamte Team wohnte damals im Hotel Metropol direkt am Roten Platz.
Vor dem Hotel stand an diesen Tagen immer derselbe Soldat mit dem für diese Zeit
typischen starren Gesichtsausdruck. Annette Schlagheck hatte den Ehrgeiz diesen
Mann bis zu ihrer Abreise einmal zum Lachen zu bringen. Sie hat es geschafft! Kurz
vor ihrer Fahrt zum Flughafen hat der Soldat nicht nur gelacht sondern auch für sie
salutiert. Eine wunderbare Geste kurz vor Glasnost und Perestroika.
Und auch die Kunden verlassen den Laden meist gelöst und mit einem Lachen.
Und manchmal auch mit einem schönen Sommerkleid.

Im Hinterhof von „Fashion & Fantasy“
Johanna Steffani